Erscheinung II, 2011, Öl auf Leinwand, 50 x 60 cm

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Die Künste erhellen sich wechselseitig. Deshalb ist es ebenso reizvoll wie nicht zum Verwundern, in Prousts großem Roman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" Vorgänge beschrieben zu finden, die aufs beste charakterisieren helfen können, was auf einem exemplarischen Bild von Anne Hefer vorgeht – und was das in der Betrachterin auslöst.

Die Vorgänge ließen sich abstrakt fassen als Sinnverwirrung, ausgelöst durch Übergänglichkeit von Phänomenen, wodurch geläufige Ordnungsbegriffe außer Kraft gesetzt erscheinen.

Es klingt kompliziert, und das ist es auch. Aber nur auf den ersten Blick. Genaueres Zusehen macht, dass es zunehmend einleuchtend und einfach wird.

Zunächst der Text bei Proust:
Beschrieben wird, wie dem Betrachter nach und nach der Gegensatz zwischen Land und Meer in Bewegung gerät, bis er nicht mehr zwingend erscheint. "Zu gewissen Stunden schien mir das Meer beinahe in sich selbst ein Stück Land zu sein... Einsam am Horizont ein weißes, geblähtes Viereck, zweifellos von einem Segel dort aufgemalt, aber kompakt wie aus Kalkmasse, gemahnte es an die besonnte Ecke irgendeines einsam daliegenden Gebäudes... Die rauhen, gelben und wie lehmig wirkenden Ungleichheiten der Meeresoberfläche machte an Gewittertagen aus der See eine ebenso vielfältige Vision wie das Land". Zurück zum Bild: Nichts liegt näher als die Assoziation "Himmel" für die obere Bildpartie. Ein verhangener Himmel. Das erscheint schnell als allzu unspezifisch, als vordergründig. Ich versuche es mit Kennzeichnungen wie "raumgreifend", "ausgeleuchtet", "kühl". Aber sobald ich näher herantrete, verschwindet die Kategorie "Himmel" schleunigst, und das zuvor Kühle wirkt als warmes Leuchten, bewegtes Atmosphärisches.

Was sich in der unteren Bildpartie befindet, bestimmt meine unreflektierte Sehgewohnheit zunächst "natürlich" als "Erde". Sogleich falle ich mir ins Wort: Ist es nicht eher ein Eismeer? Aber auch das trifft allenfalls Partikel, trägt nichts bei zur Annäherung an das Spezifische des Bildes. Das scheint überhaupt nicht geleistet zu werden von einer Zustands-Beschreibung, die ein für allemal Bedeutung festlegt.

Neuer Versuch: Ein flirrendes Geschiebe. Spuren kosmischer geologischer Vorgänge. Die Vorgänge des unteren Bildbereichs schicken sich an, den oberen zu erobern. Schon wieder: Mein Gehirn will verstehen, das heißt: vergleichen, einordnen in Bekanntes, in vorhandene Deutungssysteme. Dabei erfahre ich allmählich gerade das Schwanken der Zuordnungen zwischen Himmel und Erde und mythischem Meer als Spezifikum des Bildes. Es scheint anzukommen gerade auf das Nicht - Festgestellte, auf das Übergängliche, auf Vorgänge – und zwar im Bildbereich wie in meinen Reaktionen auf sie. Eine farbversessene Tiefe ist im Entstehen. Grenzüberschreitungen in meinem Kopf reagieren auf Farb-Einbrüche, -Aufbrüche, -Ausbrüche, -Lichtungen, -Rückzüge.

Wie der Betrachter bei Proust koste ich den Reiz aus, dass sich Zuordnungen und Eingrenzungen als vorläufig erweisen und meine Begriffe in Verwirrung geraten. Vor diesem Bild.

Für diesmal verabschiede ich mein Begriffsarsenal. Ich schaue ruhig, Aug in Auge mit dem Bild.

Heidi Gidion


Schwefel, 1991, Öl auf Leinwand, 46 x 52 cm

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Schwefel ist eines von rund hundert chemischen Elementen. Aus manchen Lagerstätten kommt er elementar aus der Erde und ist dabei gelb wie die Sonne. Sizilien ist berühmt für seine Schwefelvorkommen, nicht von ungefähr, denn Sizilien ist vulkanischen Ursprungs. Überall, wo Wasser vulkanisches Gestein auslaugt und mit dem darin gelösten Schwefelwasserstoff als heiße Quelle an die Erdoberfläche dringt, nutzen Schwefelbakterien den Energiegehalt des Schwefelwasserstoffs für ihr Überleben und oxidieren ihn zum elementaren Schwefel. So werden gelbe Tupfer in die Landschaft gesetzt, in der es brodelt und dampft – ganz ähnlich wie auf dem Bild "Schwefel".

Armin de Meiyere


Aufbruch I-III, 2001, Öl auf Leinwand, 40 x 50 cm

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In magisch blauer Düsternis ragen einzelne Klippen aus einem aufgewühlten, zum Teil wie mit Gischt umhüllten Grund. Der Raum ist nicht auszuloten, es fehlt jeder Maßstab, alles erscheint in Chaos versunken, und höchst bedrohlich wirkt das hell lodernde Feuer am Horizont. Im dritten Bild des Zyklus hat sich rechts am Rand eine kleine Gruppe Menschen dicht aneinandergedrängt und blickt gebannt in das Unbegreifliche.

Der zunächst verwirrend erscheinende Titel "Aufbruch" gibt den entscheidenden Hinweis auf die Deutung: Anne Hefer hat ihn der gleichnamigen Parabel Franz Kafkas, von dessen Werk sie so fasziniert ist, entlehnt. Was die gleichnishafte Erzählung thematisiert: nämlich den radikalen Bruch mit einem von jeglichem Sinn entleerten Leben und den Aufbruch zu einer "wahrhaft ungeheuren Reise", dem gibt sie malerischen Ausdruck. Endlos und ungewiss wird diese Reise sein. Wohl führt sie fort von einem entfremdeten Dasein und bedeutet damit einen glücklichen Befreiungsschlag, doch an ein eigentliches Ende wird sie nicht gelangen; ein Ziel gibt es nicht, es gibt nur die unentwegte Suche nach dem Ziel.

Monika von Wilmowsky


Zwischenfall, 1992, Öl auf Leinwand, 100 x 120 cm

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Wolken leben, sie sind das Abbild von Bewegungen in der Atmosphäre, von Strömungen im Luftmeer. Sie entstehen durch Kondensation des in der Luft enthaltenen Wasserdampfes zu winzigen Tröpfchen bei Abkühlung der Luft unter den Taupunkt. Das geschieht vorzugsweise durch Hebung von Luftpaketen, thermisch ausgelöst in großen, aufquellenden Formationen; durch Aufgleiten auf Kaltluft hervorgerufen in weit ausgebreiteten Schichten; orographisch erzwungen vor Gebirgen und in den nachfolgenden Wellen; in Tiefdruckgebieten erzeugt durch großräumige, konvergente Strömung in Bodennähe und dadurch bedingtes Anheben gewaltiger Luftmassen; aber auch durch Abstrahlung von Dunst an horizontalen Luftmassengrenzen mit Sichtbarwerden kleinzelliger Konvektion oder durch Vermischen von kalter und warmer Luft. Immer erkennt man an den Wolkenformen die Ursache ihrer Entstehung, kann die Bewegung in der Atmosphäre miterleben und die unermeßliche Vielfalt der Erscheinungen bewundern.

Zur Auslösung von Niederschlag bedarf es besonderer thermischer Vorgänge. Bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt bleiben die Wolkentröpfchen als unterkühltes Wasser erhalten; nur ganz wenige gefrieren zu Eiskristallen. Gerade diese aber vergrößern sich sehr rasch, weil der Dampfdruck über Eis geringer ist als über Wasser: Die Wassertröpfchen verdunsten, und die freien Wassermoleküle werden von den Eiskristallen eingefangen. Dadurch werden diese schwerer, und sie beginnen zur Erde zu fallen, dabei andere Tröpfchen anstoßend und als Eiskristalle anlagernd. Beim Eintreten in Luftschichten mit Temperaturen über dem Gefrierpunkt schmilzt die Kristallstruktur auf und bildet einen Regentropfen. Dieser Vorgang geschieht in sich hoch auftürmenden Wolken mit besonderer Intensität, und Milliarden von Regentropfen fallen in grauen, verwehten Strähnen zur Erde.

Gerd Hefer

Enigmatischer Realismus / Enigmatic Realism (Auszug)

Der Enigmatische Realismus (von „enigmatisch“ - rätselhaft) ist die Bezeichnung für Kunst, Musik bzw. Literatur, die das Rätselhafte als Teil der Realität begreift und ihm bewusst im Kunstwerk Raum zukommen lässt...Der Begriff ist Anfang 2016 von der Kunsthistorikerin Christine Stefanie Kunkler in Malta geprägt worden...Das Werk von Anne Hefer, Uta Polster, Susanne Scholz (Deutschland) und Sanna Myrttinen (Finnland) sind beispielhaft für Arbeiten des Enigmatischen Realismus...